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Sascha Erni

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Anti-Akquise

Kolumne: Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten …

Das Hauptproblem für jeden freischaffenden Texter (und freischaffenden Künstler allgemein) ist ganz klar: Wie komme ich an neue Kunden? Sicher, auch der Zustand des Kühlschranks, respektive seines Inhaltes, ist ein Problem, aber das ist eng mit der obigen Frage verbandelt.

Ich kann nicht groß Tips geben, wie man an Neukunden kommt. Aber ich kann Euch sagen, wie man es nicht versuchen sollte. Oder nur dann, wenn man extrem verzweifelt ist. Oder etwas soziopathisch veranlagt. Err.

 

Das klingt ja wieder einmal eher negativ. Ich dachte, Du seist Optimist?

 

Bin ich ja auch. Sonst hätte ich diesen Beruf nicht ergriffen. Aber dennoch habe ich über die Jahre einiges erlebt, auch zum Thema „wie vergrault man potentielle Kunden am einfachsten?“. Der eine oder andere gutgemeinte, etwas nüchterne Vorschlag, was man besser machen kann, wird hier natürlich auch aufgeführt. Aber zählt nicht darauf, daß es viele Vorschläge sein werden.

 

Fehler 1: Zu wenig Kommunikation. Let’s face it: Ihr seid nicht der Papst. Ihr könnt es Euch nicht leisten, im Büro zu sitzen und darauf zu warten, daß Euch zig Interessenten anschreiben. Mund-zu-Mund-Propaganda ist zwar das wichtigste Werkzeug eines jeden Freelancers, aber wenn man ansonsten gar nichts tut, muß man sich nicht wundern, daß der Kühlschrank nach einer Weile in einem noch desolateren Zustand ist.

Also druckt Visitenkarten, haltet Eure Website aktuell, schreibt auch mal direkt an interessante Unternehmen und Privatpersonen. Und reagiert einigermaßen prompt auf E-Mails und Briefe. Nichts ist für einen potentiellen Auftraggeber mühsamer, als wenn er wochenlang auf Antwort warten muß, während der Redaktionsschluß immer näher rückt.

 

Fehler 2: Übermäßige Kommunikation. Ein Brief oder eine E-Mail, schön gestaltet und inhaltlich proper, geht für Initiativbewerbungen in Ordnung. Wo man seine Künste anpreist, oder – wenn man etwas aggressiver sein sollte – aufzeigt, was zum Beispiel an der Website des potentiellen Kunden alles mistig ist. Und wie man da helfen könnte.

Aber bitte, bitte, setzt die Leute NICHT ungefragt auf Euren privaten Mailverteiler. Und schickt ihnen NICHT die Daten Eurer nächsten Parties. Eine Einladung zu einem bestimmten Anlaß geht in Ordnung, damit man Euch auch persönlich kennenlernen kann. Aber jede Woche am Freitag Nachmittag eine Aufforderung, sich im Mascotte zu besaufen? Muß nicht sein. Ebenso wenig eine „Freundschaft“ auf Facebook und Konsorten. Potentielle Kunden müssen nicht wissen, was ihr zum Frühstück gegessen habt. Oder wie Ihr Euch im Mascotte nach dem siebten Bier benommen habt. Mit Bildern, geschossen von Euren anderen „Freunden“. Nein.

 

Fehler 3: Zu nachgiebig sein. Okay, ein bißchen nachgeben muß man immer. Aber man sollte es sich tunlichst verkneifen, zu Eike zu werden, nur weil im Kühlschrank noch Platz für ein Bier wäre. Denn damit zieht man die „falschen“ Kunden an. Diejenigen, die gehört haben, daß man halt so schön billig sei.

Leute, wir wollen preiswert sein. Nicht billig. Billig ist ein Abendkleid aus dem C&A. Etwas Selbstwertgefühl ist angebracht.

 

Fehler 4: Selbstüberschätzung. Wir hatten das mit dem Papst schon. Also laßt es mich nochmals wiederholen: Texter sind nicht der Papst. Ruiniert nicht Euren Ruf, weil Ihr Projekte angenommen habt, die Ihr nicht stemmen könnt. Sucht lieber nach Lösungen, die sowohl Eurem Hoffentlich-Kunden als auch Euch entgegen kommen. „Lösungen“ sind auch nach dem Platzen der New Economy gesucht.

Das Durchtexten eines 500seitigen Katalogs paßt momentan nicht in Euren Zeitplan? Dann lehnt ab, oder sucht einen Kompromiß. Vielleicht kennt Ihr ja einen Kollegen, der die Hauptarbeit erledigen könnte. Und Ihr seid dann Projektleiter. Oder kassiert Vermittlungsgebühren. Sicher, man könnte auch das, hmm, Mitternachts-Öl verbrennen (Anglizismus!), aber ist es das wirklich wert, wenn dann der neue Kunde ständig mit Änderungen angerannt kommt? Unbezahlte Änderungen noch dazu?

Als Freelancer seid Ihr alleine unterwegs. Nicht als Agentur. Jeder soll in seinem eigenen Sandkasten spielen. Und nicht die Copacabana zum Sandschlösser-Bauen mißbrauchen.

 

Würden sich mehr Freischaffende von diesen vier Fehlern fernhalten, hätten die Freien generell einen besseren Ruf. Und könnten auch Ihre Honorarvorstellungen besser durchsetzen. Ohne, daß die Leute gleich glauben: Das ist ein Schaumschläger, wie die anderen 43 Freelancer, die ich schon ausprobiert habe. Kommuniziert offen, aber gezielt; überschätzt Euch nicht, dann klappt’s auch mit dem Nachbarn. Respektive mit der Akquise. Und der Kühlschrank ist auch ganz glücklich, daß nicht nur grün-schimmliger Käse drin liegt. Gleich neben dem Eike-Bier.


 

Dieser Artikel erschien erstmalig am 27. Februar 2009 im Forum der Schreibszene Schweiz. Sie können im Forum einen Kommentar hinterlassen.

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