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Sascha Erni

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Eine Frage des Stils

Kolumne: Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten …

Einige treue Leser werden sich wohl mittlerweile fragen, wann denn nun endlich etwas über die Kombination Schriftsteller / Texter kommt. Waren doch die anderen Artikel eher allgemein-texterlicher (sic) Natur. Nun denn, dann will ich heute eines der Hauptprobleme ansprechen, das einen Schriftsteller erwartet, der zwischendurch als Texter arbeiten möchte: Die Sache mit dem Stil. Aber ich höre Euch schon fragen:

 

Stil? Weshalb ist das ein Problem?

 

Ganz einfach: Von einem Schriftsteller wird eigentlich erwartet, daß er seine eigene Stimme findet. Seinen eigenen Stil entdeckt und pflegt. Daß er nicht nur so schreibt wie eine Mikro-Version von Stephen King. Viele Schriftsteller sind stolz darauf, daß sie genau so schreiben, wie sie schreiben, und von Lesern auch wiedererkannt werden.

Und genau das ist im Normalfall bei einem Texter unerwünscht.

Ein Texter kann sich, wie schon an anderer Stelle erwähnt, natürlich auf gewisse Branchen konzentrieren. Was mit sich bringt, daß auch gewisse sprachliche Konventionen eingehalten werden. Wer nur Spielzeugwerbung textet, wird automatisch einen anderen Stil benötigen, als wenn jemand Geschäftsbriefe als Ghostwriter verfaßt. Okay, vielleicht nicht, wenn er für MacDonalds schreibt. So weit, so gut.

Aber wie ebenfalls schon gesagt sollten Texter auch etwas flexibel bleiben. Vielleicht mal in einer anderen Branche arbeiten, andere Kunden gewinnen. Ganz ehrlich, die wenigsten Texter können sich die Kunden komplett frei aussuchen. Dann wird halt für die erzkonservative Bank geschrieben, ein ander Mal für eine junge Webagentur.

Ich glaube, Ihr seht, worauf ich hinaus will.

Ein Texter muß sich stilistisch und von der Tonalität her an den Auftraggeber anpassen. Im Idealfall schreibt er genau so, wie der Kunde bereits kommuniziert. Oder er berät den Kunden sogar in Sachen Kommunikation (weswegen sich einige freischaffende Texter gerne etwas hochtrabend „Kommunikationsberater“ nennen). Der Texter hat die Aufgabe, den bestmöglichen Stil für den Auftraggeber zu finden und natürlich auch einzusetzen. Das Ego muß er hintanstellen. Was nicht immer ganz einfach ist.

Wer im Hauptberuf Film-Noir-Krimis schreibt und bereits fünfunddreißig Geschichten in einem Heftroman-Verlag veröffentlicht hat, wird sich überwinden müssen, dann plötzlich einen seriösen Stil für eine Hutfabrik zu finden. Es sei denn, die Fabrik produziert ausschließlich Fedoras. Aber ich schweife ab. Nicht gerade wenige Schriftsteller könnte man etwas gemein als Egomanen bezeichnen. Ich bin davon auch nicht gefeit, gebe ich gerne zu. Man will halt SEIN Ding durchziehen, SEINEN Text schreiben, SEINE Sprache pflegen, SEINE Ideen präsentieren. Und bekommt schon Pusteln im Gesicht, wenn ein Lektor was ändern möchte. Als Texter kann man sich das nur sehr selten leisten.

Leisten kann man es sich zum Beispiel dann, wenn man den anderen Weg geht: Du machst dir mit deinem individuellen Stil einen Namen, so daß die Kunden dich genau deswegen angehen.

Nicht viele Texter können diesen anderen Weg gehen, respektive davon leben. Dazu braucht man schon so etwas wie einen Ruf, oder eine wirklich gute Schreibe. Und ein gesundes Selbstbewußtsein. Entsprechend kommen viele, hmm, Anderswegtexter aus der Schriftstellerszene. Ich sage nur Bertold Brecht und Robert Gernhardt. Solche „Texter“ wurden nicht gewählt, weil sie superflexibel sind, sondern weil sich der Auftraggeber sagte: Der paßt. Weil halt vielleicht der inhärente Zynismus, der Sarkasmus, der Tonfall perfekt das Unternehmen oder die Kampagne ergänzten. So ähnlich, wie damals bei diesen dämlichen Parisienne-Kinowerbungen, wo verschiedene bekannte Regisseure Zigaretten verkaufen sollten.

Texter, die nur so nebenbei texten, haben es leichter, den zweiten Weg zu gehen. Einfach, weil sie sich die Kunden oft DOCH aussuchen können und dann auch sagen dürfen: „Nö, hab ich keinen Bock drauf, mich zu verstellen; entweder, Dir paßt meine Fresse oder dann halt nicht.“ Natürlich etwas diplomatischer ausgedrückt.

Agentur-Texter können sich diesen Luxus natürlich nicht leisten. Die müssen stilistisch „flexibel“ sein und auch bleiben. Arme Schweine. Aber auch die meisten Freischaffenden sind davon betroffen. Wer also beim Begriff „Freier Texter“ Assoziationen zur Prostitution aufbaut, hat nicht nur eine schmutzige Phantasie, sondern eventuell gar nicht so unrecht.

 
 

Dieser Artikel erschien erstmalig am 10. Oktober 2008 im Forum der Schreibszene Schweiz. Sie können im Forum einen Kommentar hinterlassen.

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