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Sascha Erni

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Normseiten? Huh?

Kolumne: Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten …

Heute will ich einmal praktisch werden. Denn früher oder später wird sich der freischaffende Jungtexter fragen:

 

Bei Zeus, Miss Marple! Wie nur soll das Manuskript aussehen, das ich dem Kunden schicke?

 

Eigentlich ist die Sache klar. Manuskriptformat mit Normseiten, und gut ist. Allerdings verwenden viele – wenn nicht die meisten – Agenturen und Texter andere Normseiten für ihre Manuskripte, als Schriftsteller und Verlage es tun. Besonders dann, wenn Übersetzer mit im Spiel sind. Denn die sind etwas eigen. Was auch kein Wunder ist, wenn man pro Zeile bezahlt wird.

Wie sieht denn nun diese Normseite aus? Eigentlich sehr ähnlich wie die Schriftsteller-Normseite:

30 Zeilen pro Seite, 50 bis 55 Anschläge pro Zeile, Festbreitenschrift, Hurenkinder/Schusterjungen-Regelung deaktiviert. (Ja, das heißt im Deutschen wirklich so. Typographen sind manchmal etwas zwangshumoristisch.) Silbentrennung aus, 1,5 Zeilenabstand, Schriftgröße 12. Hauptsache, man kommt auf 1.500 bis 1.650 Anschläge pro Normseite. Natürlich inklusive Leerzeichen.

Die Schriftsteller-Normseite (mit 60 Anschlägen pro Zeile, 1.800 Anschläge pro Seite) wird auf Rückfrage auch oft akzeptiert, ist aber nicht wirklich gebräuchlich.

Wozu das Ganze? Ab und an werden Texter nach Anzahl Seiten bezahlt. Besonders dann, wenn’s um P. R.-Sachen geht. Oder aber, der Verwerter der Texte will einfach abschätzen können, wie viel Platz das Ganze im Druck oder im Web einnehmen wird. Entsprechend ergibt eine Normseite viel Sinn. So oder so sollte man in die Offerte schreiben, wie denn die „Normseite“ schlußendlich aufgebaut ist. Nicht daß der Kunde dann wegen fünf Anschlägen mault. Und manchen Kunden scheint das Maulen sehr viel Spaß zu machen. Oh ja.

Klingt alles einleuchtend und logisch? Okay, dann kann ich ja das Problem ansprechen. Das wird nicht lustig.

 

Das unlustige Problem.

 

Wenn man nicht pro Seite bezahlt wird, kann man das Normformat getrost vergessen. Oft zumindest. Denn: Der Kunde hat eine gewisse Erwartungshaltung an die Optik und auch einen eigenen Geschmack. Und fühlt sich von Normseiten gerne veralbert. Traurig, aber wahr.

Dann hört man gegebenenfalls einen Kommentar wie: „Danke für die Texte, aber die sind mir zu breit. Können Sie die nicht in zwei Spalten setzen?“ Oder meinen persönlichen Favoriten: „Das ist aber altmodisch, so Schreibmaschinenschrift. Dabei sind wir doch ein junges, dynamisches Unternehmen!“

Seufz. Als wäre man auch noch Layouter und Typograph. Als würden sich nicht Layouter, Typographen und Webdesigner anschließend um das AUSSEHEN der Texte kümmern.

Was heißt das konkret? Ganz einfach:

Der erste Eindruck zählt – je nach Kunde – mehr, als einem lieb ist. Am sichersten fährt man bei, hmm, komplizierten Auftraggebern (Dieter Nuhr würde sie „Anspruchsvolle Kunden“ nennen), wenn man den Text in einer serifenlosen Schrift wie z. B. „Helvetica Neue“ oder „Verdana“ (kotzwürg) abliefert. Und um ganz sicher zu gehen, bitte sowohl als Textdatei als auch PDF. Serifenschriften wie „Times New Roman“ gelten im Druck oft als besser lesbar, aber da die Texte heutzutage oft auch am Computer kontrolliert und kommentiert werden … You get the idea. Außerdem verwenden viele Firmen keine Serifenschriften in der Kommunikation, da sie ja soooo modern sein wollen.

Wer dem Kunden ganz feste imponieren möchte, fragt nach der Hausschrift des Unternehmens und verwendet diese. Das kann allerdings böse ins Geld gehen; gute Schriften sind nicht ganz billig zu bekommen. Entsprechend sollte das die Ausnahme bleiben – für den Fall, daß es ein wirklich wichtiger Neukunde ist, der anständig Geld liegen läßt oder einen in sein Netzwerk einbringen kann. Da lohnen sich die € 100 für die Schrift schnell, wenn der Auftraggeber dafür ganz happy ist – weil das Dokument genauso aussieht wie die anderen in der Firma. Und er den Texter entsprechend öfters um Hilfe bittet, weil er sich sagt: „Irgendwie paßt der Typ zu uns …“

Das alles gilt jedoch, wie gesagt, nur für einige Endkunden. Agenturen hätten es gerne richtig und bekommen bei Verdana ebenfalls das Kotzen. Und natürlich gibt es auch Endkunden, die nicht so oberflächlich sind und für die wirklich nur der Inhalt zählt.

Am einfachsten ist es, wenn man nachfragt. Logisch. Aber, Obacht!, wenn der Auftraggeber etwas von „Hauptsache hübsch“ sagt. Was auch immer ihr dann einschickt: Bitte keine „Comic Sans“ verwenden, es sei denn, das ist die Hausschrift des Kunden. Aber in dem Fall wäre es wohl eh besser, wenn man den Auftrag ablehnt und drei Kreuze macht, da man nochmals davongekommen ist.

 
 

Dieser Artikel erschien erstmalig am 26. September 2008 im Forum der Schreibszene Schweiz. Sie können im Forum einen Kommentar hinterlassen.

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