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Sascha Erni

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Wie zum Geier wird man freier Texter?

Kolumne: Von einem Schriftsteller, der auszog, als Texter zu arbeiten …

Vielleicht haben Euch ja meine früheren Beiträge den Mund wässrig gemacht? Und voller Enthusiasmus fragt Ihr Euch nur noch eines:

 

Das ist ja großartig! Aber wie zum Geier wird man freier Texter?

 

Na, dann will ich mal nicht so sein und Euch Eurer Illusionen berauben. Nein, nein. Höchstwahrscheinlich werdet Ihr zufrieden damit sein, was ich hier in diesem Text von mir gebe. In diesem viel zu langen Text. Meine ehemaligen Chefs würden mir ob der Länge („Und das im Internet???“) jedenfalls den Kopf abreißen.

Also.

Die allermeisten freien Texter rutschen ins Business rein. Ganz ohne Ausbildung, Diplom oder Studium. Einfach weil sie halt sprachlich begabt sind und gerne auch etwas Geld verdienen würden, abseits von Tantiemen für Bücher und Artikel. Oder sie haben überhaupt keinen Sinn fürs literarische oder journalistische Schreiben, dafür aber eine feine Nase für Marketing und Werbung. Oder sie können komplizierte technische Sachverhalte einleuchtend erklären. Interesse, Persönlichkeit und eine gewisse Begabung kommen immer zuerst.

Eine staatliche Ausbildung zum Texter, oder gar ein Texter-Studium, gibt es in Deutschland und der Schweiz nicht. Lediglich private Ausbildungen, wie zum Beispiel die Kurse der Schreibszene. Was nicht heißen soll, daß diese Kurse und Diplome sinnlos wären, ganz und gar nicht. Insbesondere für Quereinsteiger sind sie nützlich, werden doch die Grundlagen vermittelt, die man sich sonst per Trial-and-Error selbst erarbeiten müßte. Aber typisch ist eine solche Ausbildung (noch?) nicht.

Wie läuft also eine „typische“ Karriere ab? Oft beginnt sie in einer Medienagentur. Besonders zukünftige Werbetexter zieht es zu Agenturen wie Fliegen zum Mist. Weshalb auch nicht? Man bekommt den wohlklingenden Titel „Junior Texter“, verdient etwa so viel wie ein Praktikant in der graphischen Abteilung und darf die Arbeit der „Senior Texter“ übernehmen, die gerade Snowboard fahren. Toll!

Aber wir wollten ja von freischaffenden Textern reden, nicht von den Agenturisten. Wie läuft es also bei ihnen ab? Einige freie Texter hatten einfach die Nase voll vom Agenturleben und wollten sich selbständig machen. Verständlich. Der Großteil jedoch kommt eben „quer“ ins Business. Zum Beispiel, weil sie als Marketing-Assistent in der Firma auch immer wieder Medienmeldungen geschrieben haben. Oder weil sie von Natur aus blubbern können.

Oder aber, weil sie aufgrund einer schriftstellerischen Tätigkeit immer wieder angefragt werden, ob sie nicht auch die Texte für eine Website tippseln würden. Offensichtlich könne man ja schreiben, also kann man sicher auch einen Einführungstext für den Webauftritt einer Zahnarztpraxis verfassen?

 

Gut erkannt, aufmerksamer Leser! Jetzt kommt die Sache mit der Branche, die ich letzte Woche angesprochen habe.

 

In der Vergangenheit nahm ich alle möglichen Aufträge aller möglichen Unternehmen an. Egal, ob es um Trockenwände oder Zuckergetränke ging, um ein Mode-Label oder eine Consulting-Firma …

Nun ja. Das war nicht wirklich der beste Ansatz für mich.

Wenn man wirklich für alle Branchen schreiben will … im besten Fall erweitert man seinen Horizont. Aber im Normalfall vergeudet man viel Zeit mit der Aufarbeitung von Grundlagen, die für den Spezialisten glasklar sind. Und liefert oft schlechtere Resultate ab, als ein spezialisierter Texter. Was der Kunde spätestens dann bemerkt, wenn er die Websites der Konkurrenz durchblättert.

Sollen sich freischaffende Jungtexter also streng auf ausgewählte Branchen konzentrieren? Ganz so strikt würde ich es jetzt doch nicht sehen. Man muß ja zuerst einmal die Branchen kennenlernen, bevor man sagt: „Bäh, ich schreibe keine Werbetexte für Rasenmäher!“ Aber die Stoßrichtung stimmt schon. Es ergibt durchaus Sinn, daß man sich genug Wissen in bestimmten Bereichen aneignet, ohne aber Scheuklappen vor anderen Branchen aufzusetzen. Man ist in „seiner“ Branche automatisch speditiver, verdient so unterm Strich mehr Geld und liefert professionellere Resultate ab als ein (durchschnittlicher) Allrounder.

Aber, das muß ich zugeben: Als Allrounder lernt man die Abwechslung schätzen. Und falls es mit der Freischafferei doch nicht klappen sollte, hat man wenigstens ein breites Portfolio, um die Agenturen zu beeindrucken. Und kann gegebenenfalls gleich als „Senior Texter“ einsteigen. Und auch Snowboarden gehen.

Wie ich es selbst handhabe? Nach Ermessen. Wenn mich ein Thema, eine Branche interessiert, nehme ich auch unbezahlte Recherchen und autodidaktische Weiterbildung in Kauf. Aber ich sage mir bei jedem, hmm, branchenfremden Projekt:

 

Ein Tischler legt ja auch nicht den feuchten Keller trocken. Was bei unserem Tischler vielleicht auch ganz gut so ist.

 
 

Dieser Artikel erschien erstmalig am 19. September 2008 im Forum der Schreibszene Schweiz. Sie können im Forum einen Kommentar hinterlassen.

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